Eindrucksvoll hat es diese Fahrt gezeigt: Auf die Wettervorhersagen für die kommenden Tage sollte man nicht allzu viel geben. Zumindest nicht, wenn man sich im kleinen, idyllischen St. Moritz mitten in der Schweizer Bergwelt befindet, eingebettet von einem einzigartigen Bergpanorama. Denn mit dem Wetter kam es doch ganz anders als vorhergesagt: warmes Wetter und strahlend blauer Himmel so weit das Auge reicht. Die Sonne tastet sich gerade an den gestochen scharfen Berghängen hervor. Die Fahrt im weltbekannten GlacierExpress kann beginnen. Es war wohl schon das erste Omen, dass diese Reise von Beginn an ein Erfolg werden sollte – in jeder Hinsicht. Es gab viel zu sehen und zu entdecken in der Schweiz. Die Schweizer Tourismuszentrale hatte in ihrer Broschüre Recht behalten: Steinbockstarke Bergerlebnisse waren es allesamt. Sowohl in St. Moritz als auch auf dem Rest der Schweizreise. Von öligen Bergerlebnissen über und unter den Wolken, Gewitterstimmung an der Grenze, langen Nächten in Zürich und einer Fahrt durch die Berge – Ein Reisebericht.
Von Bergwanderungen im Albulatal und anderen steinbockstarken Bergerlebnissen
St. Moritz liegt auf über 1600 Meter Höhe im Engadin, einer landschaftlich reizvollen Region in Graubünden. Eingerahmt vom großen See und den 3000-er Bergen erstreckt sich der 5000-Einwohner-Ort über St. Moritz Dorf und Bad. In Spitzenzeiten kommen über 40000 Gäste hinzu. Als vorwiegend zum Wintersport genutzten Ferienort verkehren hier vor allem die „Reichen und Schönen“, wie an den exklusiven Hotels und Boutiquen unschwer zu erkennen ist. Aber auch für „normale“ Urlauber (wie mich) hat die Region einiges zu bieten. Auch mit der Bahn ist der Ort gut zu erreichen. Vom zentralen Bahnhof aus fahren Ortsbusse im 10-Minutentakt, auch im Nachtverkehr wird auf eine stündliche Anbindung gesetzt. Wer hier allerdings Nachtleben und Flaniermeilen erwartet, ist fehl am Platze. Bis auf die zahlreichen Hotelbars werden dort die Bürgersteige regelrecht „hochgeklappt“. Mit einem reichlichen Frühstück in der Jugendherberge (besonders das Abendessen hier hat mich ob seiner Qualität und Vielfalt beeindruckt) beginnt der erste Tag in der Schweiz mit einer Wanderung durch das Albulatal. Genauer gesagt auf dem Eisenbahnlehrpfad von Preda nach Bergün mit einer Höhendifferenz von 400 Metern. Wer gut zu Fuß ist, schafft die Strecke in nur zweieinhalb Stunden und wird dafür durch einzigartige Bergaussichten belohnt. Immer wieder bieten sich Fotomotive auf die Bahnstrecke, die sich hier in einer Vielzahl von Tunneln, Viadukten und Kehrschleifen durch den Berg kämpft. Steinbockstarke Bergerlebnisse sind das eben! Steinböcke kann man gleich um die Ecke, im einzigen Nationalpark der Schweiz, in freier Wildbahn beobachten. Um auch garantiert ein Exemplar zu Gesicht zu bekommen, sollte man sich allerdings einer geführten Wanderung durch das Naturschutzgebiet anschließen. Wem das zu viel ist, der kann auch das neue Nationalparkzentrum in Zernez besuchen. Ein markantes Bauwerk, das erst in diesem Jahr eröffnet worden ist. Drinnen finden sich neben ausgestopften Bergbewohnern auch wichtige Informationen zur Geschichte, zum Schutz und Erhalt des Nationalparks. Mittels Audioguides und interaktiven Bedienelementen wird über das Ökosystem Bergregion und das nötige Zusammenspiel von Mensch und Natur informiert. Im dazugehörigen Museumsshop können dann auch gleich die entsrechenden Souvenirs erworben werden.
Willkommen im langsamsten Schnellzug der Welt!
Für Viele der Höhepunkt einer Schweizreise ist wohl die Fahrt im GlacierExpress, der täglich mit modernen Panoramawagen von St. Moritz in die Bergwelt startet und die beiden Alpenzentren St. Moritz und Zermatt in 8 Stunden Fahrzeit verbindet. Diese lange Reisezeit hat ihm auch den Beinamen „langsamster Schnellzug der Welt“ eingebracht. So lasse auch ich mir eine solche Fahrt natürlich nicht entgehen. Wie sich schon am Bahnsteig des Gleises 1 herausstellt, ist der Zug gut gefüllt. Pünktlich und ruckelfrei setzt sich der Zug langsam in Bewegung. Die großen Panoramafenster lassen einen weiten Blick in die immer steiler werdende Landschaft zu. Mittels Kopfhörern werden wichtige Etappen in der Geschichte der Strecken und besondere Sehenswürdigkeiten in verschiedenen Sprachen erklärt. Auf Wunsch gibt es auch ein 3-Gänge-Menü gegen Zuzahlung, gegen das ich mich wegen des doch sehr hohen Preises entscheide. Einen Nachtisch staube ich dann aber doch noch ab, da dieser meiner Sitznachbarin aus unerklärlichen Gründen nicht mundet. Und man kann sagen: Eine delikate Angelegenheit ist das ganze schon! Neben der erwähnten Albulastrecke, die seit kurzem zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt (ein entsprechender Reiseführer ist bei der RhB gegen 15 CHF erhältlich), sind weitere Höhepunkte das Landwasserviadukt, die Rheinschlucht und der Zahnrad-Steilstreckenabschnitt zwischen Disentis und Andermatt, der die Züge bis auf den Furkapass in 2000 Meter Höhe führt. Gegenüber sitzt ein einheimisches Ehepaar, das vor wenigen Tagen geheiratet hat. In Begleitung vier Kanadier. So komme ich live in den Genuss einer exklusiven Streckenbeschreibung, zwar auf Englisch, aber das geht in Ordnung.Trotz erstmals etwas regnerischem und wolkigen Wetter und der Verkürzung meines Fahrtziels auf Brig statt Zermatt ist dies ein Erlebnis, das weiterempfohlen werden kann. Wer gerne aus dem Fenster fotografiert, sollte aber lieber die Regelzüge mit aufschiebbaren Fenstern benutzen. Die Weiterfahrt ab Brig erfolgt mit einem modernen Doppelstockzug IC 2000, der direkt und stündlich durch den neuen Lötschbergtunnel nach Zürich verkehrt. Eigentlich sollte es ja über die Bergstrecke über Kandersteg gehen, aber dafür reicht die Zeit leider nicht.Den schweizerischen Dialekt, das „Schwietzerdütsch“, bekomme ich hier erstmals richtig zu spüren: Ein RailBar-Verkäufer will mir einen Snack zum Studenten-Sondertarif anbieten, wie ich später erfahre. Ob es solche Sondertarife wirklich gibt, wage ich zu bezweifeln. Die Ankunft in Zürich erfolgt für mich persönlich nach 2 Stunden Fahrtzeit viel zu früh; auch, weil hier sehr nette Reisebegleiterinnen im Zug zu treffen sind. Wer also nach etwas „Unterhaltung“ sucht, sollte die gut frequentierte Strecke Bern-Zürich unbedingt in seiner Reiseplanung berücksichtigen.Peitschender Regen empfängt die Reisenden in Zürich, das erste Mal nach 4 Tagen überhaupt. Aber das stört auch nicht weiter, sind die meisten der vielen Restaurants doch überdacht. Die beste Trefferquote für einen Restaurantbesuch erzielt man übrigens auf der rechten Limmatseite zwischen Central und Bellevue, während die Bahnhofstraße mit Paradeplatz und Hauptbahnhof eher dem Shopping zur Geschäftszeit dient.Mt. Titlis - Ölvorkommen im ewigen Eis Am nächsten Morgen strahlt wieder die Sonne in das Viererzimmer, das die gesamte Nacht über durch tiefgründige Schnarchgeräusche erfüllt gewesen war. Geschlafen habe ich trotzdem und nach einen vielfältigen Frühstück geht es sogleich los in Richtung Engelberg. Hier, in Engelberg, befindet sich neben einem großen Klosterkomplex auch die Bergbahn zum Titlis. Nach dreimaligem Umsteigen und rund 45 Minuten Fahrzeit wird ein einmaliger Panoramablick versprochen. Nicht ganz billig ist der Spaß schon, ich zahle stolze 25 Euro für Berg- und Talfahrt mit Halbtax, aber die Sache ist es wert. Die erste Sektion wird mit einer Kleinkabinenbahn überwunden, während auf den restlichen beiden Abschnitte dann eine Großraumgondel eingesetzt wird. Die letzte Sektion auf den Titlis bietet einen besonderen Höhepunkt: Die weltweit erste rotierende Gondel! Während der Auffahrt dreht sich die Gondel einmal um ihre eigene Achse, sodass man einen echten Panoramablick genießen kann. Beziehungsweise sollte. Schade ist nämlich, dass in just diesem Moment die Kabine in einer gigantischen Wolkendecke verschwindet, die jeglichen Ausblick verhindert, um wenig später über den Wolken wieder aufzutauchen. Auf der Gipfelstation hat man einen wirklich beeindruckenden Panoramablick auf die Bergspitzen, die allesamt von Wolken umwoben sind. Die Temperaturen sinken von 26 Grad im Tal auf + 3 Grad auf dem Gipfel. Hier findet sich ewigen Eis, das, wie ich sogleich feststellen muss, auch so rutschig wie normales Eis sein kann. Ein unachtsamer Moment und man landet hart auf dem gefrorenen Boden. Dass ich genau in einem Ölfleck landen muss und noch Tage danach nach einer Petroleummischung rieche, war wohl nicht so geplant. Auch schon die Anfahrt von Luzern nach Engelberg ist neben viel frischer Luft und unberührter Natur ein Bahnerlebnis. Die Zentralbahn überwindet auf dem letzten Abschnitt kurz vor Engelberg einen Zahnradabschnitt, vor dem die Züge geflügelt werden und getrennt nacheinander fahren. Gerade einmal zwei Stunden bleiben in Luzern noch zum Besuch des Verkehrsmuseums der Schweiz. Mit dem SwissYouthPass, für den 120 Euro zu zahlen sind, können sämtliche Bahnen, Busse und Stadtlinien kostenlos vier Tage lang genutzt werden. Für Bergbahnen gibt es einen Halbtax-Rabatt (50%) und eine Vielzahl von Museen sind auch noch dabei. Zwei Stunden also kostenlose Express-Besichtigung. Unter anderem die Gotthard-Tunnelschau, bei der man in kleinen Loren durch die Geschichte des Gotthards geführt wird. Wie auch die anderen Exponate sehr interessant, aber auch zeitaufwendig. Und Zeit war auf der gesamten Reise bisher nicht im Überfluss vorhanden. Wenn die Straßenbahn mal nicht mehr fährt.... Abends wieder in Zürich, schließe ich mich einer Gruppe aus der Jugendherberge an. Alle Nationen sind dabei: Amerikaner, Engländer, Iren, Deutsche, Australier. So geht es in das Zürcher Nachtleben, was unter der Woche allerdings nur sehr, sehr eingeschränkt zu genießen ist. Hinzu kommt, dass der sonst so zuverlässige Straßenbahnbetrieb ab 0 Uhr eingestellt wird. Die Straßenbahnen weichen den Gleisbauarbeitern, die an jeder Straßenecke durch laut kreischende Gerätschaften auf sich Aufmerksam machen. Zurück kommt man in Zürich nach 0 Uhr nur noch per Fuß oder Taxi. Von Letzteren wimmelt es nur so in der Stadt, überall und fast pausenlos fahren sie Straße für Straße ab. Nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch durch menschenleere Straßen winke auch ich mir ein Taxi herbei und zum Sondertarif für 10 Franken nimmt dieser lange Tag ein glückliches Ende.
Wie im Traum durchs Gotthardmassiv
Was gestern noch als Modell im Verkehrshaus bestaunt wurde, wird heute Wirklichkeit: Eine Fahrt durch den Gotthardtunnel! Mit einem InterCity über Zug und Arth-Goldau verkehrt der Zug ohne Halt bis Bellinzona durch das Gotthardmassiv. Vorbei an imposanten Kehrschleifen und vorbei an der Kapelle von Wassern, die gleich drei Mal aus verschiedenen Perspektiven aus dem Zug beobachtet werden kann. Erlebnisreiche 3 Stunden Fahrzeit, die den Bauherren aus dem 19. Jahrhundert Anerkennung zollen. Im End- und zugleich Grenzbahnhof von Chiasso herrscht eine abenteuerliche Stimmung. Nicht nur positives italienischen Flair schwappt herüber, macht der Bahnhof doch einen ziemlich grenzwertigen respektive maroden Eindruck. Mittels Absperrungen und Zäunen auf dem Bahnsteig werden die Reisenden in entsprechende Zollpassagen gelenkt, auch diejenigen, die die schweizerische Grenze gar nicht verlassen wollen. Unfreundliche, italienischsprachige Zollbeamten schlendern umher. Untermalt wird diese düstere Stimmung von einem heftigen Gewitter, das seinen Höhepunkt bei der Einfahrt des Nachtzuges nach Amsterdam um 22 Uhr erreicht. Nur mit Mühe kann man sich durch den peitschenden Regen und die diversen Zäune zum ersehnten Schlafwagen Nummer 262 vorkämpfen. Endlich im CNL 300 nach Amsterdam angekommen, begrüßt mich auch gleich das freundliche Zugpersonal. Nebenan im baugleichen tschechischen Schlafwagen, der als Ersatzleistung beigestellt wurde und eigentlich zwischen Basel und Prag verkehrt, geht es weniger freundlich zu. Im bröckeligen Deutsch wird mir hier das Betreten des zweiten Schlafwagens untersagt. Was ich denn hier wolle. Nur gucken, versteht sich, aber verstanden hat er nicht. In die andere Richtung geht es ohne Probleme, doch gibt es da außer angetrunkenen Italienern, überfüllten Liegewagen und einem Ruhesesselwagen nicht viel zu entdecken. Vom Gebrauch der schlafwageneigenen Dusche sehe ich ab, macht diese doch einen etwas unsauberen Eindruck; ganz anders als das Schlafwagenabteil, das wie gewohnt um einwandfreien Zustand ist und einen geruhsamen Schlaf verspricht. Tatsächlich wache ich kurz vor Düsseldorf erst wieder durch das Weckerklingeln auf. Es ist inzwischen 9 Uhr morgens, der Zug hat +15 Minuten Verspätung. Mehrere Lokwechsel sowie das Beistellen des Wiener Zugteils habe ich verschlafen. Jetzt hängt vorne eine schwarze MRCE-Dispolok mit CityNightLine-Schriftzug, die den Zug von Frankfurt systemüberschreitend bis Amsterdam transportiert. Vom Ausstiegsbahnhof Emmerich geht es durch das Ruhrgebiet über Oberhausen, Dorsten, Essen und Hagen bis nach Köln. Viel möchte ich zu dieser Tour nicht sagen: Das Ruhrgebiet ist immer noch relativ trist, besonders wenn man die Bahnhöfe betrachtet. Fazit: Einmal gesehen, ganz nett, aber wohl nicht wieder in naher Zukunft.
Die Schweiz en miniature
Am nächsten und letzten Tag der Reise folgt noch einmal ein Höhepunkt: Der Besuch im MiniaturWunderland in Hamburg. Hier wurde vor wenigen Monaten der neue Schweizabschnitt eröffnet, beeindruckend detailgetreu und mit hohem Wiedererkennungswert des im realen Gesehenen. So kann man hier noch einmal die Reise Revue passieren lassen mit all ihren schönen und markanten Erlebnissen. Eigentlich ist es schade, dass die Zeit auf Reisen immer so rennen muss. Eine Woche ist eben doch eine viel zu kurze Zeit für eine solche Reise. Es hätten noch ein paar mehr Tage sein können, oder gar Wochen. Oder vielleicht gleich dort bleiben? Eine interessante Option wäre es - man denke an die Architektin aus St. Moritz. Aber erst einmal bleibt die Erinnerung und der Wille, wiederzukehren, wenn auch nur für ein paar Tage. Um das nachzuholen, was ich auf dieser Reise alles nicht geschafft habe. Denn die Schweiz bietet weitaus mehr, als man in einer Woche erleben kann. Steinbockstarke Erlebnisse waren es, eine Mischung aus Entspannung und Aktivurlaub mit vielen Natur-, Berg- und Bahnerlebnissen. Jetzt heißt es: „Tschüss, Steinbock!“ und „Tschüss, Gotthard!“ aber hoffentlich auch „Auf Bald“!.Um 21:41 fährt der letzte Tageszug als ICE 709 von Hamburg nach Berlin, sehr gut gefüllt, in verkehrter Wagenreihung und 20 Minuten verspätet. Eine Reservierung ist hier unabdinglich. Um kurz vor Mitternacht dann erreichen wir Berlin Hauptbahnhof. Zurück im hektischen Alltag Berlins, fernab von Bergbahnen und Steinbock.
Dieser Reisebericht wurde am 30. August 2008 von BenjaRa
verfasst.
Der Autor hat Schlagwörter zu diesem Bericht hinterlegt: St. Moritz, Zürich, , „Grüezi, Steinbock Grüezi, Gotthard!“!, GlacierExpress, Bergwandern, Bahnfahren, Schweizreise, Zürich, Graubünden, Nachtzug, Schlafwagen, Bergbahn.
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