Mir hat es, wie meinem Vorbild Hemingway, die Angelei angetan, und ein Angelfreund von mir, der bereits in den 80ern häufig nach Irland kam, war davon geradezu begeistert. Als ich in einem Magazin einen Bericht über die Seenplatte von Cavan las, war es um mich geschehen, und ich buchte einen Urlaub im Lions Hill, einer Hotelpension nahe Cavan, die von einem Rheinländer und einer Niederländerin betrieben wird. Ende September packte ich meine Ruten zusammen, um mich mit den irischen Hechten anzulegen.
Nach der Landung in Dublin sprach mich ein bärtiger Riese mit einem rheinischen Dialekt an. "Ich bin der Manfred, du mußt Martin sein". Dieser Herr also war sozusagen mein großer weißer Jäger, und das Orakel dämpfte sofort meinen Optimismus ganz gehörig: "Viel zu warm für Hecht!" Manfred redete während der Fahrt die ganze Zeit von Blinkern und wobblern, Haken und Ösen, Wind und Wasserstand. Nach einer Stunde blickte er auf und fragte mich, ob ich etwas Zeit habe. Ja, natürlich hatte ich Zeit, und wir machten eine kleine Rast in einem Pub mit wunderbarem Guinness und herrlich spleenigen Iren. Allmählich wurde mir dieser Mann sympathisch, vor allem begann mir Irland zu gefallen, das waren wirklich Charakterköpfe, die einem Roman von James Joyce entsprungen sein konnten. Am nächsten Tag ging ich mit Manfred angeln, und er schien es wirklich als echten Schicksalsschlag zu empfinden, daß er mir keinen guten Hecht garantieren könne, weil es für die Jahreszeit viel zu warm sei. Von dem riesigen Hechtmonster, daß Manfred im Jahr davor entkommen war, keine Spur, was wir fingen, waren lediglich zwei kleine Urenkel die wir lebend zurücksetzten.
Die Pension Lions Hill war sehr gemütlich, und die indonesisch- niederländischen Gerichte von Inneke, Manfreds Frau, waren ein Gedicht. Doch die Angelei war alles andere als überragend, vier Tage lang hatten 20 verschiedene Angler an einem der besten Gewässer Europas nicht einen einzigen Biß, die Götter der Jagd mußten die irischen Hechte entführt haben, und die Gesichter der Angelgäste wurden jeden Tag ein bißchen länger. ich nahm es mit Contenance und unternahm mit einem freundlichen Pärchen einen Trip nach Dublin, sah mir die Sehenswürdigkeiten der Gegend an und mietete mir auf einer Farm ein Pferd. Die Iren wurden mir nach jedem Pubbesuch jedesmal ein bißchen sympathischer, und offenbar schienen die auch mich ganz nett zu finden. Der Inhaber des örtlichen Tante Emma Ladens, der nebenbei auch eine Tankstelle betrieb, ein Mr. Owen sperrte einmal kurzerhand den Laden zu und fuhr mit mir 10 Meilen bis zu einem idyllisch gelegenen See. Er sagte, ich sei ihm sympathisch, und er wolle mir deshalb den See zeigen, weil ich ein echter Bewunderer der irischen Kultur sei. Alllmählich begriff ich, weshalb so viele Iren die Literatur bereichert hatten, denn dieses Land steckte voller phantastischer Geschichte, und jeder Ire schien sich beim Guiness zu einem späten Erben von Swift, Wilde, Joyce oder Beckett zu entwickeln. Da wurden Geschichten von alten Viehdiebstählen, Jagd- und Angelabenteuern aufgewärmt und wenn sie der irische Whiskey so recht befeuerte, wurden die Abenteuer fast surrealistisch und irgendwann tauchten dann ein paar Instrumente auf und es erklang Irish Folk vom feinsten. Was die Angelei betraf, so war es so warm, daß wir im Oktober am Erne auf Aale angelten. Ein anderer Individualist, ein alter Kauz, der immer mit Panamahut und einer Thermosflasche Irish Coffe auf die Pirsch ging, fing jeden Tag Schleien von 5 Pfund und mehr. Jede einzelne hätte für einen Platz in der Blinker Hitparade gereicht, aber die irischen Hechte schienen uns zu hassen, denn von den Anglern im Lions hill sah keiner auch nur eine Hechtflosse. Daraufhin ging ich mit Manfred zum Hechtangeln, und ich meine richtiges Hechtangeln von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Wir fingen absolut nichts, und mein "großer weißer Jäger" schien am Ende seines Lateins.
Um mich abzulenken machte ich ein paar Ausflüge nach Nordirland, sah mir Enniskillen und die Tropfsteinhöhlen von Marble Arch Caves an. Manfred redete etwas von Haien, die man an den Cliffs of Mohair fangen könnte, doch an dem Tag, als ich mir die berühmte Brandung ansehen wolle, war das Meer so ruhig, wie man es sich nur vorstellen konnte. Rings um die Klippen konnte man aber die Boote der Haiangler sehen, und es gibt dort tatsächlich Herings- und Blauhaie über 2m.
Doch die Hechte zeigten mir weiterhin die kalte Schulter, und mein Urlaub lief langsam ab. Dann aber wurde es plötzlich empfindlich kalt, ein Ehepaar aus Nantucket Massachusetts, war geradezu entsetzt vonm Temperatursturz, doch Manfred und ich strahlen, denn das war Hechwetter. Am nächsten Tag wehte leichter Südwestwind, perfekt!
Bewaffnet mit Rute, Kescher und den üblichen Utensilien ging es an einen kleinen See mit einer malerischen Insel in der Mitte. Ich verankerte mein Boot an der Insel und warf die Angel aus. Um mir die Zeit zu vertreiben, stippte ich ein bisschen auf die Barsche des Sees, und freute mich schon auf Innekes "Barschfilet". Aber wo war nur plötzlich mein Schwimmer hin? die Pose zog stetig ab, und ich sprintete zu meiner Angel und setzte den Anhieb. Es erfolgte kein Widerstand, ein Hänger so ein Mist! Ich kurbelte die Schnur ein und konnte an der Oberfläche einen Pfahl oder etwas Ähnliches erkennen. Als der Pfahl immer näher ans Ufer kam, wurde er plötzlich lebendig, und das größte Hechtmonster, das ich je gesehen spritzte mich richtig nass. Käptn Ahab hatte seinen Moby Dick gefunden. Noch aber war er im Wasser und dachte gar nicht daran, sich geschlagen zu geben. Der Hecht war so groß, daß er nicht in meinen Kescher paßte. Mit zitternden Händen und schweissgebadet konnte ich ihn schließlich mit einem Kiemengriff an Land ziehen. Meine Güte, war der riesig! Als ich ihn an Land zog, mußte ich mich einen Moment setzen, denn mein Puls raste und mir zitterten die Hände. Es war eine wunderbare Hechtdame von fast 15 Pfund, und nach einem schönen Foto ging der Fisch wieder zurück ins Gewässer. Es war mein erster kapitaler Hecht und damals der größte Hecht den ich je gefangen hatte.
Ich war seitdem noch zweimal in Irland, und habe sogar noch größere gefangen, doch mein schönster Urlaub war dieser erste Tripp nach Irland und die Bekanntschaft mit herrlich spleenigen Hechten und Ureinwohnern.
Dieser Reisebericht wurde am 26. Juli 2007 von Angler
verfasst.
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