(versuchte) Überquerung des Ärmelkanals mit dem Seekajak
Calais, Zelt
Es ist Samstagmorgen um fünf Uhr. In aller Frühe brechen mein Kumpel und ich, auf dem Dach unseres Kombis zwei Seekajaks, im Kofferraum die Ausrüstung für einen Kurztrip zum Ärmelkanal. Wir starten in Fulda/Hessen und wollen nach Calais/Frankreich und von da dann mit dem Kanu über den Ärmelkanal paddeln. Bevor es wirklich losgeht, besprechen wir noch einmal kurz die Wetterlage: der Wetterbericht sagt Regen und gerade über dem Kanal auch Sturm voraus. Da wir uns Anfang der Woche aber nun mal spontan zu dieser Tour entschieden haben und uns auch nicht länger mit planen und packen beschäftigen wollen, entscheiden wir uns nun doch, los zu fahren.
Los geht es also im Dunkeln, nach zwei Stunden Autobahn hat sich die Dunkelheit jedoch in ein verregnetes Grau verwandelt und eigentlich ahnen wir schon jetzt dass wir wegen des Wetters wohl scheitern werden. Wir verlassen mit kurzen Pausen deutschen Boden und fahren durch die Niederlande und Belgien, der Himmel zeigt sich jedoch überall von der gleichen Seite: trist, grau, verregnet, stürmisch. An der schmalsten Stelle ist der Ärmelkanal etwas über 32 Kilometer breit, sodass wir so mit sechs Stunden paddeln rechnen. Diese recht optimistische Zeitrechnung beinhaltet jedoch keine Verzögerung, Gegenwind oder gar starke Strömungen, dessen sind wir uns bewusst. In immer kürzeren Abständen schauen wir auf die, bis wann es sich für uns überhaupt noch lohnt, in See zu stechen. Wir überlegen uns als Plan B im Regenfalle, nach Paris weiter zu fahren und auf der Seine zu paddeln. Wider Erwarten reißt in Frankreich der Himmel auf, wir sehen zum ersten Mal an diesem Tag die Sonne und es ist angenehm warm. In einem Supermarkt in Calais kaufen wir Baguette und noch ein paar andere Lebensmittel und machen uns dann auf die Suche, nach einem geeigneten Startpunkt.
Vorbereitung
Auf dem Gelände, wo früher die Luftkissenboote landeten und starteten, parken wir unser Auto und erkunden den Strand. Wir sind direkt links, also östlich, der Fähren und bilden uns ein, das andere Ufer in der Ferne sehen zu können. Zurück am Auto, es ist leider bereits ein Uhr Nachmittags, laden wir die Boote vom Autodach und beginnen, sie zu beladen. Wir planen, mit Lebensmitteln, trockenen Klamotten, Kochgeschirr, Zelt, Schlafsack und Isomatte nach England zu paddeln und dort dann irgendwo am Ufer zu zelten. Zur Orientierung haben wir eine Landkarte und ein GPS-Gerät, um auch unterwegs unsere Position bestimmen zu können. Am nächsten Morgen wollen wir dann entscheiden, ob wir auch wieder zurück nach Frankreich paddeln oder ob wir unsere Boote zur und auf die Fähre schleppen sollen und mit dieser dann etwas entspannter zurückzukehren. Wie dem auch sei, wir sitzen auf jeden Fall erst um zwei Uhr im Boot und wissen eigentlich, dass das viel zu spät ist, da es ja ab neun Uhr dunkel wird und wir auf keinen Fall in der Dunkelheit ohne Licht und somit auch ohne Orientierung noch unterwegs sein wollen. Wir stechen also in See, was besonders in der Brandung am Ufer nicht so leicht ist. Zudem sind die Boote wesentlich schwerer und ungelenkiger, als die Boote, mit denen wir sonst paddeln und trainieren. Aber es macht Spaß, der Wellengang weiter draußen nur moderat und die Sonne scheint. Munter paddeln wir also drauf los und ärgern uns etwas, dass wir nicht direkt am Fährhafen eingestiegen sind, denn anstatt direkt auf das offene Meer hinaus zu fahren, paddeln wir die erste Stunde eigentlich nur in einigem Abstand zur Küste entlang. Erleichtert stellen wir fest, dass der Fährbetrieb hier so regelmäßig ist, so dass wir uns auch an der Fahrtroute der Fähre orientieren können. Und im Zweifelsfall haben unmotorisierte Boote ja immer Vorfahrt vor motorisierten auf allen Schifffahrtswegen dieser Welt. Weniger erleichtert sind wir, als wir das erste Mal das GPS-Geräte auspacken, unsere Position bestimmen und erschreckt feststellen, dass wir in einer Stunde gerade einmal drei Kilometer zurückgelegt haben! Wir wollen noch einmal eine Stunde jetzt aber wirklich auf das Meer hinaus paddeln, um dann noch einmal die zurückgelegten Kilometer zu bestimmen und uns dann für oder gegen eine Weiterfahrt zu entscheiden. Das Paddeln auf dem Meer macht aber wirklich Spaß, wenn man geschickt in die Wellen fährt, spritzen sie einem auch nicht so ins Gesicht. Der Gegenwind bläst einem jedoch immer etwas Gischt ins Gesicht, so dass bereits nach kurzer Zeit die Augen mit Salz verkleben und der Mund ganz trocken wird. Und dann kommt es, wie es kommen muss: nach zwei Stunden haben wir nur etwas mehr als sechs Kilometer zurückgelegt, was definitiv nicht reicht. Wir haben noch knappe 30 Kilometer vor uns und bräuchten dafür bei dem Tempo zehn Stunden, die letzten fünf davon müssten wir also im Dunkeln paddeln. Natürlich kehren wir sofort um und machen uns auf dem Rückweg. Die Wellen sind nun größer, der Wind peitscht sie regelrecht auf und am Himmel ziehen immer mehr dunkle Wolken auf. Wir surfen in den Wellen, machen Fotos und stellen fest, dass es richtig war, umzukehren. Nach guten fünfeinhalb Stunden landen wir wieder an unserem Ausgangspunkt, es ist jetzt sehr kalt und windig. Leicht erschöpft ziehen wir unsere Boote zum Auto, das Meer zeigt sich jetzt von einer ganz anderen Seite als noch am Mittag. Man sieht das englische Festland nicht mehr, es ist stürmisch und das Meer sehr unruhig. Wir ziehen uns um und erkunden dann Calais, wo ein Jahrmarkt mit unendlich vielen Glücksspielautomaten ist - typisch für Frankreich eben. Nach einem kurzen Stadtbummel setzen wir uns wieder ins Auto und fahren zurück, allerdings auf einer etwas anderen Route. An einem einsamen Parkplatz gibt es das Dosenfutter, was wir eigentlich etwa um die gleiche Zeit in England essen wollten. Etwa gegen acht Uhr sind wir in Lille. Die Stadt gefällt uns sehr gut und ist abends toll beleuchtet. Die Nacht verbringen wir auf einer Autobahnraststätte im Zelt und fahren am Sonntag dann zurück nach Fulda. Während der gesamten Fahrt regnet es, einen kurzer Zwischenstopp in Brüssel mal ausgenommen.
Aber wir sagen uns: nächstes Jahr versuchen wir es noch einmal und dann wird es klappen!!!
Dieser Reisebericht wurde am 02. Dezember 2007 von montechristi
verfasst.
Der Autor hat Schlagwörter zu diesem Bericht hinterlegt: Calais, Zelt, (versuchte) Überquerung des Ärmelkanals mit dem Seekajak, Ärmelkanal, Paddeln, Kanu, Seekajak, Zelten, Wellen.