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Israel und Westjordanland- zwischen Faszination und Heimweh

Ramallah, Jerusalem, YMCA (17. Juli 2007)

Renovierung eines YMCA Hauses in Ramallah 

Wer im Hochsommer zu einem Arbeitseinsatz in ein mediterranes Land geht, ist entweder verrückt oder besonders abenteuerlustig. Letztere Möglichkeit traf auf uns, eine Gruppe von rund zwanzig Jugendlichen und unserem Leiter, zu. Von Mitte Juli bis Mitte August verbrachten wir vier Wochen in Israel, indem wir bei der Renovierung eines YMCA - Hauses halfen. Fast "nebenbei" lernten wir hautnah eine Welt kennen, die von politischen Unruhen und Gegensätzen bis heute geprägt ist. Gleichzeitig atmete dieses Land auf Schritt und Tritt seine viertausend Jahre alte Geschichte.

Ramallah - So habe ich mir das hier nicht vorgestellt

Obwohl der Flug nach Tel Aviv mein erster Flug war, ist mir von meiner Anreise nach Ramallah nichts so deutlich im Bewußtsein wie meine spontane Enttäuschung angesichts unseres Ausblicks vom Balkon. "So habe ich mir das hier nicht vorgestellt", dachte ich und legte mich wieder ins Bett. Meine Zimmergenossinnen zogen jauchzend ihre Bikinis an und nahmen ihr erstes Sonnenbad. Ich drehte meinen Kopf zur Wand, versteckte mich unter dem dünnen Bettlaken und versuchte, meine Tränen vor den anderen zu verbergen. Die ungehemmte Wucht des Heimwehs hatte mich getroffen. Schon bald wurde ich in die heilsame Wirklichkeit zurückgerufen. "Steve", ein Deutscher (der dann wohl eigentlich Stefan hieß), unterwies uns in die anfallenden Arbeiten. Wir hatten die Aufgabe, Mauern aus Bruchsteinen zu errichten, die Fensterrahmen, den Zaun und alles mögliche mehr zu streichen. Wir sollten kochen, putzen, waschen, graben, bauen, hämmern und sägen. Das YMCA - Haus sollte mit unserer Hilfe zu einer attraktiven Unterkunft werden. Dafür wohnten wir gratis in Ramallah und hatten den Nachmittag gewöhnlich zur eigenen Verfügung. Angesichts der geringen Entfernung zwischen Ramallah und Jerusalem war das ein geschätzter Vorteil.

Ausflug nach Jerusalem

Die erste Besichtigung des stark palästinensisch geprägten Ortes Ramallah verstärkte mein Heimweh. Das so Andersartige und Fremde löste in mir eine tiefe Sehnsucht nach dem Bekannten, nach meinen Zuhause aus. In diesem Moment wäre ich gerne jemand anderes gewesen, jemand, der alles Neue und Unbekannte mit Freude und Enthusiasmus aufsaugt. So aber kämpfte ich mich gegen meine Tränen durch den ersten Tag. Immer war ich peinlich darauf bedacht, mir nichts anmerken zu lassen, weil ich das Heimweh als kindisch und fehlplatziert empfand.

Sammeltaxis

Gleich am zweiten freien Nachmittag fuhren wir nach Jerusalem. Obwohl ich die Sammeltaxis schon aus der Literatur kannte, war die Beförderung mit ihnen ein Erlebnis der eigenen Art. Nur wer schon von ihnen transportiert worden ist, kann nachempfinden, wie angenehm es ist, sich zurückzulehnen und den Fahrtwind durch das Haar streichen zu lassen. Ein "Scherut" wurde - auf dieser Strecke zumindest - gewöhnlich von einem Palästinenser gefahren. Warum es trotzdem die hebräische Bezeichnung "Scherut" hatte oder ob nur wir als Touristen das Taxi so nannten, weiß ich bis heute nicht.Im Nachhinein kann ich nicht sagen, was genau den Knoten in mir zum Platzen brachte: Jerusalem als Stadt, die Tatsache etwas zu unternehmen oder einfach die Gewöhnung an das Fremde, jedenfalls war das Heimweh an diesem zweiten Tag verschwunden. Statt dessen war ich einfach fasziniert von der neuen Welt, in die ich hineintauchen durfte. Wir entstiegen den Sammeltaxis am Damaskustor und traten durch dieses Tor sozudsagen in den Orient hinein. Dort erwartete uns der Basar mit seinem typischen aromatischen Duft und den Händlern, die ihre potentiellen Kunden an die Hand nahmen und in den Zauber ihres Ladens entführten. Dabei konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mögliche Käuferinnen durchaus lieber entführt wurden als männliche Besucher. Ich versuchte gleich mein Glück mit dem Handel und feilschte um einen kleinen Porzellanteller mit dunkelblauen Blüten. Angeblich gehöre ja das Feilschen unabdingbar zu einem Basar. Ziemlich verblüfft war ich trotzdem, dass der Händler mein Angebot routiniert entgegennahm und einen Preisvorschlag etwas höher als mein Gebot, aber deutlich unter seinem ersten Angebot machte. Der Stolz über den scheinbar so vorteilhaft erstandenen Porzellanteller hielt nur bis zum gleichen Abend, als meine Zimmermitbewohnerin ihren größeren Teller, den sie noch günstiger als ich erstanden hatte, vorzeigte. Als einziger Trost blieb mir, das ich beschloss, mein Blumenmotiv schöner zu finden. An dieser Stelle möchte ich gleich erwähnen, dass die Liebe zum Basar auf Dauer doch auch eine Trübung erfuhr: Es konnte bisweilen ziemlich nerven, ständig angesprochen und fast in irgendwelche Geschäfte gezerrt zu werden um sich ein mitlerweile bekanntes Sortiment anzuschauen. Die Freiheit ohne etwas zu kaufen durch den Basar zu flanieren musste wacker erkämpft werden.

Grabeskirche

Unvermittelt standen wir an jenem zweiten Tag vor der Grabeskirche. Dieses Gotteshaus ist über der Grabstätte Jesu gebaut und lag früher wohl außerhalb der Stadtmauern. Jetzt befindet es sich mitten im Tumult der Altstadt. Menschen verschiedener Nationen, schwarzgewandete Orthodoxe, weißgekleidete Äthiopier, in eine braune Kutte gehüllte Franziskaner liefen ein und aus, so dass die Kirche mehr einem Bienenstock als einer Gebetsstätte glich. Dennoch hatte die Grabeskirche für mich etwas zutiefst Ergreifendes. Jede christliche Konfession hatte sich ein Stück der Kirche gesichert. Zwischen Touristen und Klerikern knieten Menschen zum Gebet nieder. Und trotz der hier gut sichtbaren Spaltung der Christenheit hatten sich alle unter einem Dach vereinigt.Von Ramallah aus hatten wir in unseren vier Wochen noch häufig die Gelegenheit Jerusalem zu besuchen. Langweilig fand ich diese Stadt jedoch nie. Sie hatte mich mit ihren Gegesätzen und Spannungen vielmehr ergriffen und sollte meine Gedanken bis heute nicht loslassen.

Dieser Reisebericht wurde am 12. Oktober 2007 von Gisa verfasst. Der Autor hat Schlagwörter zu diesem Bericht hinterlegt: Ramallah, Jerusalem, YMCA, Israel und Westjordanland- zwischen Faszination und Heimweh, Arbeitseinsatz in Israel Ramallah Jerusalem Grabeskirche Ausflüge Ausflug.

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