Riobamba, Alausi, Huigra, Guayaquil, Sternenzelt oder in Riobamba, Alausi, Guayaquil
Der folgende Reisebericht beschreibt die Reise von Riobamba (zentrales Andenhochland) bis nach Guayaquil (Pazifikküste) mittels Zug, Bus und zu Fuß.
Jeden Samstag ist großer Markttag in Riobamba. Aus dem ganzen Umland kommen Händler, meist Indios (korrekter: Indigenas) aus dem Hochland und bieten alle möglichen Lebensmittel, Gebrauchsgüter, Ersatzteile und Dienstleistungen feil. Besonders erwähnenswert ist die Vielfalt an lebenden Tieren: Truthahn, Hühner, Meerschweinchen, Hasen, kleine Hühner, Schweine. Ein alter Mann bietet Eiswürfel vom Gletscher des Chimborazo an. Auch gibt es allen nur denkbaren Schrott zu kaufen, von Reifen, alten Elektrogeräten über CDs, Waffen, Gefäßen bis hin zu Antriebswellen. Es gibt einfach alles, was man in Ecuador zum Leben braucht, neu oder gebraucht, original oder gefälscht. Auffällig ist, dass sich die Menschen nicht gerne und schon gar nicht ohne Gegenleistung ablichten lassen, sie werden schnell böse und reißen die Hände vor das Gesicht. Eigentlich aber eine sehr verständliche Reaktion.
Riobamba über Alausi nach Guayaquil
In Riobamba genießen wir die wohl leckersten Teig- und Backwaren, die sich in ihrer Frische und im geringen Preis gegenseitig übertreffen. Wir sehen auf dem Markt nur wenige andere Reisende und sind daher um so mehr erstaunt, als sich am Bahnhof beim Ticketkauf für die morgige Zugfahrt auf einmal weit über 50 andere Touristen tummeln. Der Zug scheint das am besten florierende Unternehmen in der ganzen Region zu sein. Bei Sonnenuntergang haben wir einen tollen Blick auf den schneebedeckten Gipfel des Vulkans Cajamaba. Noch vor Weckerklingeln am nächsten Tag werden wir wach, ein Blick aus dem Fenster erschreckt uns zutiefst: wir sehen einen Zug, auf dessen Dach mindestens 500 Touristen sitzen und kein weiterer Platz mehr frei zu sein scheint. Und das um Viertel vor sechs, obwohl es doch erst um sieben losgehen soll! Nach übereiltem Anziehen und Packen hoffen wir, es sei der Zug nach Quito und nicht nach Alausi, aber unten angelangt erfahren wir, dass es sich doch um unseren Zug handelt. Da auf dem lukrativen Dach kein Platz mehr ist und die anderen Touristen auf dem Zugdach akribisch ihre Plätze verteidigen, müssen wir in einem an den Seiten offenen Güterwaggon auf einer eiligst hinein gestellten Parkbank Platz nehmen. Sitzplatzreservierungen oder gar Fahrgastanzahlbeschränkungen gibt es bei diesem guten Geschäft scheinbar nicht. Die Zugfahrt beginnt pünktlich um sieben Uhr morgens, der erste Halt ist in Gutamote, wo wir es mit einer gewissen Sturheit schaffen, einen Platz auf dem Dach zu ergattern, besser gesagt zwischen zwei Waggons, wo sich sonst keiner hinsetzen will, da dieser Platz zu gefährlich und enorm unkomfortabel ist. Der Blick vom Wagendach ist jedoch fantastisch, zumal die Sonne fröhlich scheint. Man kann Berge, Täler, kleinere Ortschaften und Felder bewirtschaftende Indios vorbeiziehen sehen. Das landschaftlich und streckentechnisch anspruchvollste und schönste Stück ist die Strecke ab Alausi hinab zu dem stillgelegten und ausgestorbenen Bahnhof in Simbambe, vorbei an der Teufelsnase. Die Bediensteten preisen sich, die gefährlichste Bahnstrecke der Welt zu betreiben. Im Serpentin und unter häufigem Weichenumstellen geht es hinunter zum Geisterbahnhof, der an einem seltsam schwarzen Fluss liegt. Die Zugfahrt endet nach der Rückfahrt aus dem Tal in Alausi, wo wir Verpflegung und viel Wasser kaufen, da wir nun wieder an den Gleisen entlang hinunter nach Simbambe und von da an weiter nach Huigra laufen wollen. Um ein Stück abzukürzen, entschließen wir uns, den schwarzen Fluss an einer geeigneten Stelle zu überqueren. Mit Mühe nur schaffen wir es, unser Gepäck trocken und sicher auf die andere Seite zu bringen. Faszinierend sind auch die vielen Kakteen, die den Wegrand der Zugstrecke säumen. Kurz hinter Simbambe schlagen wir unser Nachtlager auf, vom Bellen eines Hundes im oberhalb liegenden Ruinendorf ein wenig verunsichert. Nach dem Brennholzsammeln, Feuer machen und Essen kochen genießen wir unter einem gigantischem Sternenhimmel ecuadorianischen Schnaps (Zhumir). Kulinarische Spezialität des Abends sind in der Glut erhitzte und gegrillte Bananen. An ein Duschen nach dem staubigen und sonnigen Tag war nicht zu denken, die reinigende Wirkung eines schwarzen, viel Schlamm führenden Flusses ist wohl eher gering und allerhöchstens geeignet zum Braun werden. Am nächsten Morgen steht uns nach einer ruhigen, erholsamen Nacht eine eindrucksvolle Gleiswanderung bevor. Ab 7 Uhr haben wir bestes Wetter und blauen Himmel. Zum Zelten in solchen Höhenbereichen und bei solchem Wetter ist unser 19 Euro-Zelt einigermaßen gut geeignet, aber wehe es regnet! Nach dem Einpacken machen wir uns nach eher kargem Frühstück auf den Weg entlang der Gleise, die immer weiter und stärker zuwachsen, je weiter wir kommen. Das Schlimmste sind die Kletten, unsere Schuhe sind überseht von. Die Vegetation ist äußerst interessant und abwechslungsreich: Kakteen bis zu 4 m hoch, Gestrüpp, hohe Gräser, Schilf, Bäume, Palmen, viele Blumen und bunt blühende Pflanzen. An einer Stelle, wo das Klimaphänomen El Nino die Schienen unter sich begraben hat, müssen wir zum zweiten Mal den Fluss überqueren, allerdings diesmal ohne eine geeignete Stelle zum Springen. Also Hosen aus und durch die starke Strömung laufen. Nachdem 50 % von uns (ich war der Trockene) dies heil geschafft haben, durchqueren wir Eisenbahntunnels, die so lang und dunkel sind, dass wir fürchten, sie mit einer Pumahöhle verwechselt zu haben. Pumaspuren (?) im Flussbett beunruhigen uns zusätzlich. Etwa 500 m des Weges sind extrem unwirtlich, wir müssen mit unserem schweren Gepäck am felsigen Ufer entlang klettern, was ziemlich an Kraft und Kondition zehrt. Nach einem Ort, der zwar noch von wenigen Familien bewohnt, aber seit der Einstellung des Bahnverkehres trotzdem wie ausgestorben scheint, müssen wir immer häufiger hohe Eisenbahnbrücken mit morschen Planken überwinden, was beim Anblick der darunter liegenden Schlucht und dem steinigen schwarzen Fluss kein Zuckerschlecken ist. Endlich kommen wir nach Huigra, wo es Lebensmittel und eine Busverbindung gibt. Nach dem Auffrischen unserer Vorräte laufen wir noch etwa eine Stunde an den Gleisen aus Huigra heraus und schlagen dann direkt am Fluss unser Lager auf, nachdem wir uns einen Zeltplatz von Steinen frei geräumt haben. Ein Tag mit vielen Eidechsen, Vögeln, Libellen, Kletten und vor allem Mücken geht zu Ende. In einem klaren Zufluss waschen wir uns und werden abends einmal kurz durch den Besuch irgendeines wilden Tieres gestört. Man fühlt sich in dieser Höhe den Sternen sehr nahe, der Blick in den Sternenhimmel ist unbeschreiblich. Der nächste Tag der Reise bricht an. Wir werden von laut Lachenden Indios geweckt, die auf einem handbetriebenen Schienenmobil ins Tal rasen. Zurück in Huigra warten wir auf den Bus, mit dem wir bis nach Guayaquil fahren. Unterwegs verlassen wir die bergigen Anden und kommen in das Küstenvorland, die Vegetation ist zum Teil wieder tropisch, große Plantagen prägen das Landschaftsbild. Vom Busbahnhof in Guayaquil schaffen wir es mit Hilfe des Stadtplans in unserem Reiseführer, ein Hotel zu finden. Anfangs orientieren uns nur mit großer Mühe in der 3 Millionen Einwohnerstadt. Nach einem köstlichen Almuerzo (typisches Tagesessen in Ecuador für etwa 1-1,50 $ mit Suppe, Reisgericht, Fleischbeilage und oftmals einem Getränk) entdecken wir die pompöse Uferpromenade, den Malecon 2000. Der Malecon ist ein sehr teures Prestigeprojekt der Stadt bzw. der Regierung. Das Ufer mutet futuristisch an und erinnert an die Expo in Hannover, unzählige Wasserbecken, Wasserspiele, Fische, Spiel- und Sportplätze und wunderschöne Promenaden und Gärten entzücken das Auge. Unweit des Malecon geht ein Weg einen Berg hinauf, der ebenfalls bestens renoviert mit zahlreichen Kneipen, Lokalen und Geschäften aufwartet und in europäischen Städten Gleiches sucht. Das Ambiente in Arthurs Café oder anderen Örtlichkeiten ist atemberaubend, es herrscht eine tolle Abendstimmung. Das Wetter ist tagsüber schwül bis heiß, abends angenehm warm um die 25 °C.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Zugfahrt inklusive der Gleiswanderungen eine der interessantesten Touren während unserer Ecuadorreise war. Selten kann man so ungestört den Zeichen eines vergangenen Industriezweigs folgen und dabei noch eindrucksvoll den Wechsel von Andenhochland zu Küstenvorland genießen. Ich kann diese Route nur jedem empfehlen, man schafft es auch ohne Nacht im Zelt, wenn man nach der Zugfahrt in Alausiübernachtet und am nächsten Tag nach Huigra läuft.
Dieser Reisebericht wurde am 29. November 2007 von montechristi
verfasst.
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