Der Chimborazo ist mit 6310 m der höchste Berg Ecuadors und aufgrund seiner Lage am Äquator und der Erdkugelausbeulung der am weitesten entfernte Punkt vom Erdmittelpunkt.
Da man als ungeübter Bergsteiger, als den ich mich definitiv bezeichne, sich nicht in Höhen über 6000 m ohne eine gewisse Akklimatisierung aufhalten sollte, habe ich 3 Tage vor der Tour auf dem Chimborazo am Lago Quilotoa verbracht. Der auf 4000 m gelegene Kratersee verbindet diese Pflicht auf sehr angenehme Weise mit einer tollen Andenlandschaft und einem unbeschreiblichen Andenpanorama.
Zurück aus dem Hochland machte ich mich in Latacunga (2850 m) gleich auf die Suche nach einem Touroperator, da mir eigentlich alles für eine Bergbesteigung fehlten: Ortskenntnisse, Erfahrung, Ausrüstung, Klamotten, Auto. Es erwies sich als schwierig, eine solche Tour für nur eine Peron zu bekommen. Da aber vieles in Ecuador meist nur eine Frage des Geldes ist, bekam ich für 220 US-$ das Komplettangebot: Transfer Latacunga-Chimborazo, eigener englischsprachiger Guide, eine Übernachtung im Refugio, Verpflegung, sämtliche notwendige Ausrüstung, warme Kleidung, einen guten Schlafsack, Eintritt in den Nationalpark. In ecuadorianischer Gemütlichkeit ging es dann am Samstagmittag in Latacunga los. Der Besitzer des Tourbüros, José, fuhr mit mir mit seinem mehr als betagten Landrover-Jeep nach Ambato, wo wir den Guide Carlos, einen sehr jung und schmächtig wirkenden Mann, im Hause seiner Eltern aufsammelten. Nach Motorproblemen verbrachten wir die nächsten 2 Stunden damit, nach einer Werkstatt zu suchen und den Schaden reparieren zu lassen. Es hätte mich auch sehr gewundert, wenn alles auf Anhieb geklappt hätte. Gedanken machte ich mir nur über die Tatsache, dass ich so immer später im Refugio auf dem Chimborazo ankommen würde und mir so eventuell wichtige Zeit zum Gewöhnen an das Höhenklima fehlen würde. Aber irgendwann saßen wir dann doch zu dritt im Jeep und sehr bald auch keiner Teerstraße mehr, sondern auf eine Schotterpiste mit Schlaglöchern ohne Ende. Aus der „flachen“ Hochebene (etwa 2800 m) rund um Ambato und Riobamba gelangten wir immer höher, wobei sich die Landschat zusehends in eine vermeintliche Mondlandschaft verwandelte. Am Nationalparkeingang begegneten uns neben den Wächtern auch wilde Al Pacas. Die letzten Höhenmeter zum Parkplatz auf 4800 m zeigten dem altersschwachen Jeep seine Grenzen auf. Ab dem Parkplatz mussten wir Ausrüstung, Gepäck und Verpflegung hinauf zur Berghütte (Refugio Edward Whymper) schleppen. Das erste Mal merke ich unter der körperlichen Belastung die dünne Luft, mein Puls rast und es ist kalt und windig.
An der bewirteten Hütte, die nur einen beheizten Raum hat, angekommen, kontrollieren wir die Ausrüstung, packen unsere Sachen für die morgige Besteigung und essen „pollo con arroz“. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit zeigte sich für einige Minuten der Gipfel des Chimborazo, der auch von der Hütte noch in ungreifbarer Ferne zu liegen schien. Um die Hütte herum sah man nichts als Geröll, vor Jahren soll der Gletscher bis weit unterhalb von 4800 m gereicht haben. Da es um Mitternacht losgehen soll, versuchte ich, mich um 20 Uhr schlafen zu legen. Es gelang mir jedoch nicht mal für eine Minute. Aufregung, Vorfreude, Zweifel, Kälte und der Wind brachten mich um den Schlaf. Zumindest gab es keine Chance, zu verschlafen. Pünktlich um Mitternacht machten wir uns zusammen mit einer Schweizerin und zwei Österreichern inklusive deren Guides im Dunkeln und im Nebel mit Strinlampen auf den Weg. Da das Geröll- und Steinfeld aufgrund der Minusgrade nach wenigen Metern vereist ist, zogen wir unsere Steigeisen an und bildeten Seilschaften. Gute 2 Stunden ging es über Steine, bis dann endlich vor uns das ewige Eis begann. Bei Eiseskälte verlor ich beim Aufstieg einen Handschuh, was mich beinahe zum aufgeben gezwungen hätte. In dem Moment, wo ich schreiend meine Hand unter meine Achseln klemmte, holte uns die österreichische Seilschaft ein und ich bekam einen Ersatzhandschuh. Glück gehabt! Langsamen Schrittes ging es immer höher und höher, das Knirschen des Schnees unter unseren Schuhen wurde vom Grollen des Gletschers und dem Wind begleitet. Den beiden Österreichern, zwei Schreinern Mitte 50, war die Luft ab 5600 m zu dünn und zwang sie zum Umkehren. Mit kleinen Pausen kamen wir nach etwa 7 Stunden an einen Grat, den es zu überwinden gab. Trotz der anbrechenden Dämmerung war dies die schwierigste Passage, da es rechts und links des Pfades steil bergab ging und zudem ein starker Wind vermischt mit Schnee blies. Die Temperatur schätzte ich auf gefühlte -15 °C. Auf meiner Jacke bildete sich eine dicke Eiskruste, ebenso auf den Augenbrauen.
Nach insgesamt 8 Stunden Aufstieg erreichten wir den ersten Gipfel, den Veintimilla-Gipfel auf 6270 m. Ich hielt mich keine 30 Sekunden dort auf, die Kälte und der Wind waren unerträglich. Im Schatten des Gipfels entschieden die Guides, dass ein Weitermarsch zum Hauptgipfel, dem 6310 m hohen Whymper-Gipfel, bei den vorherrschenden Wetter- und Schneeverhältnissen zu gefährlich sei. Außer mir erreichten neben den beiden Guides nur noch die Schweizerin an diesem Tag den Gipfel, der schon seit über zwei Wochen nicht mehr bestiegen worden war. Ein wenig enttäuscht machte ich mich auf den Abstieg, der jedoch ein völlig anderes Bild offenbarte, als der Aufstieg im Dunkeln: die Sonne war aufgegangen, der Nebel hatte sich verzogen, nur einzelne Wolken versperrten teilweise die wunderbare Sicht ins Tal. Jetzt wurde die wahre Pracht des Chimborazos deutlich: Gestein in rot, schwarz und braun durchmischt mit Eis und Schnee, steile Hänge, beängstigende Gletscherspalten, Eiskristalle, andere Berge in der Ferne, Nebelschwaden, unberührter Schnee,… Beim Abstieg merkte ich auf einmal, dass der bisherige Marsch sich in meinem Körper bemerkbar macht. Obwohl die Luft mit jedem Schritt jetzt wieder dicker und somit angenehmer wird, merkte ich deutlich die Erschöpfung. Zudem bekam ich vermutlich aufgrund der zurückgelegten Höhenunterschiede Kopfweh. Nach 4 Stunden Abstieg waren wir mittags zurück am Refugio, wo wir unsere Sachen einpackten und zum Auto gingen, mit dem wir diesmal ohne Verzögerung zurück nach Latacunga fuhren. Dort angekommen suchte ich mir ein Hotel und schlief den ganzen Nachmittag vor Erschöpfung und aufgrund des Kopfwehs.
Fazit: Eine wunderbare Tour auch für den Nicht-Bergsteiger mit eindrucksvoller Landschaft und unwirtlicher Natur. Es war definitiv ein Highlight meiner Ecuadorreise und ich würde den Chimborazo sofort noch ein zweites Mal besteigen - diesmal aber bis zum Whymper-Gipfel.
Eine gewisse Grundfitness braucht man aber auf jeden Fall, die Höhe zehrt sehr an den Kräften.
Dieser Reisebericht wurde am 30. November 2007 von montechristi
verfasst.
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