Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Dieses Jahr hatten mein Freund und ich beschlossen, diesem schönen Sprichwort Glauben zu schenken. "Urlaub im eigenen Land ist in", verbreiten die Medien ja schon seit längerem. Das wollten wir mal mit eigenen Augen erkunden. Gesagt, getan, Mitte Juli war endlich alles gebucht, gepackt, bereit für unsere Reise in den Bayerischen Wald. Klingt langweilig? War es aber nicht. Ein bisschen Glück gehört natürlich dazu, wenn man in unseren Breitengraden Ferien machen will: Das Wetter muss schon mitspielen. Wir waren selig, denn die Sonne schien fast jeden Tag von morgens bis abends. Und unsere Vermutung, in den Bergen sei es meistens recht kühl, wurde auf diese Weise schnell widerlegt!
Hotel Predigtstuhl
Weil wir beide keine Lust mehr hatten auf Hotelburgen und lästige Zimmermädchen, hatten wir kurzerhand ein Appartement mit Selbstverpflegung gebucht. Das Hotel Predigtstuhl liegt auf rund 950 Meter Höhe mit Blick auf den kleinen Ort St. Englmar im Wald. Durch den Höhenunterschied zum Dorf hatten wir einen herrlichen Ausblick auf Wälder, Felder, Seen, Wanderwege, Häuser und Tiere. In diesem Urlaub sollte die Natur im Vordergrund stehen. An zweiter Stelle: Sport. Die Angebote, die man in St. Englmar wahrnehmen konnte, waren so vielfältig, dass zehn Tage Urlaub einfach zu wenig waren. Dass man herrlich in den Bergen rund ums Hotel wandern konnte, lag auf der Hand. Zusätzlich gab es Nordic-Walking-Kurse im Angebot, Reitstunden, ein Schwimmbad, einen Mini-Golfplatz, eine Rodelbahn, Aerobicstunden, Tischtennis, Tennis, Badminton, Fußball und Beachvolleyball.
Sport
Wir wollten alles ausprobieren, alles! Das führte dazu, dass ich bereits am zweiten Tag morgens reiten ging, nachmittag zusammen mit meinem Freund Volleybälle übers Netz schlug, um abends im Sonnenuntergang im Pool zu schwimmen. Am nächsten Morgen hatte ich natürlich einen üblen Muskelkater, der mich zur Pause zwang. Was auch kein Problem war: Schließlich hatten wir einen großen Balkon mit Sonnenliegen, auf dem man wunderbar den ganzen Tag verbringen konnte.
Wanderungen
Nach einem Tag Pause waren wir also bereit, die nächste sportliche Herausforderung anzunehmen: Eine Wanderung auf den nahegelegenen Berg Hirschenstein mit einer Höhe von immerhin 1095 Metern. Ein Unterfangen, das nur Erfolg haben würde, wenn wir uns vorher reichlich stärkten - davon waren wir überzeugt. So kam es, dass wir den halben Nachmittag in einem Gasthof am Fuß des Wanderwegs verbrachten, köstliche Käsespätzle aßen und Weißbier tranken. Im prallen Sonnenschein zu wandern wäre sicherlich auch nicht gesund gewesen. Das Gute an dieser Tagesplanung war, dass wir die Wanderwege fast völlig für uns allein hatten und schließlich auf dem Gipfel den Sonnenuntergang bewundern konnten. Das Schlechte an unserer Planung war allerdings, dass wir den Abstieg nahezu im Dunklen machten, halbblind vor uns hinstolperten und nur mit viel Glück wieder heil unten ankamen. Unsere Lehre aus dem Ganzen: Wir hätten auf die Einheimischen hören sollen, die uns vor dem Aufstieg am späten Nachmittag gewarnthatten.
Nordic-Walking-Tour
Um denselben Fehler nicht wieder zu begehen, buchten wir für unsere erste Tour mit Nordic-Walking-Stöcken eine Trainerin. Nadia war Tschechin, so erzählte sie uns, und für sämtliche Aerobic- und Nordic-Walking-Kurse im Hotel zuständig. Dementsprechend war sie körperlich sehr fit - oder jedenfalls wesentlich fitter als wir. Zum Glück entdeckten wir während der zweistündigen Wanderung diverse Besonderheiten des Bayerischen Walds, die uns eine gute Ausrede boten, um stehen zu bleiben: Irgendein guter Geist hatte entlang des Wanderwegs immer wieder Steine aufgeschüttet und zu einer Figur geformt. So bewunderten wir einen Wal am Wegesrand, einen Waldschrat, eine Schildkröte und weitere absonderliche Figuren. Ein netter Humor, dachten wir uns.Ob Nadia glücklich darüber war, dass die zweistündige Tour so auf drei Stunden ausgedehnt wurde, haben wir sie lieber nicht gefragt.
Ausflug zum Silberbergwerk beim Skiort Bodenmais
Eines Morgens kurz vor unserer Abreise stand mein Freund dann freudestrahlend in der Balkontür: "Es regnet!", rief er. Kein Grund zur Freude, dachte ich missmutig, denn eigentlich wollte ich meiner Sommerbräune noch den letzten Schliff verpassen. Bald aber wusste ich, warum mein Freund so glücklich war, denn er hatte sich seit Tagen auf einen Besuch im nahgelegenen Silberbergwerk beim Skiort Bodenmais gefreut. Bei dem üblichen strahlenden Sonnenschein hatte er sich aber nicht getraut, mir diesen Vorschlag zu machen. Nun, angesichts der Bindfäden draußen fiel mir kein Gegenargument ein und so drängten wir uns Stunden später mit dreißig anderen Besuchern in den Eingang des Silberbergwerks. Auf unseren Köpfen saßen alberne gelbe Helme, die eindeutig zu eng waren. (Erst beim Ausgang sollte ich herausfinden, dass ich eine Kindergröße genommen hatte) Auch als Nicht-Bergwerk-Fan musste ich allerdings zugeben, dass die Führung beeindruckend war: dunkle Gänge, niedrige Stollen, irgendwo weit weg ab und an ein Steinschlag. Dazu die Beschreibungen unseres Führers, wie hart das Leben der Bergleute damals war... Ich war froh, als ich wieder draußen stand und endlich die Sonne wieder auf uns schien.
Zusammenfassung
Nach zehn Tagen Urlaub im Bayerischen Wald konnte ich schließlich zahlreiche neue Erfahrungen resümieren: Ich war zum ersten Mal im Dunkeln gewandert, hatte diverse neue Sportarten ausprobiert, den schlimmsten Muskelkater meines Lebens erlebt, die Bayerische Küche ausführlich erkundet und zu alledem hatte ich dank der Höhensonne einen ordentlichen Sonnenbrand!
Dieser Reisebericht wurde am 09. Oktober 2007 von natalia
verfasst.
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